Kleinanlagen Strom vom eigenen Dach
Solarstrom vom eigenen Dach
Immer mehr Einfamilienhausbesitzer überlegen sich, eine Solarstromanlage zu installieren. Viele Argumente sprechen dafür, auch wenn die kostendeckende Einspeisevergütung angesichts der langen Wartelisten noch weit entfernt scheint. Kleine Anlagen, die in erster Linie Strom für den Eigenbedarf liefern, sind bereits heute attraktiv.
„Wir sind stolz, selber Strom zu produzieren“, erzählt Christian Matti. Im Moment rechne sich die Photovoltaikanlage auf ihrem Reiheneinfamilienhaus im bernerischen Mühlethurnen zwar nicht. Denn sie stehe wohl noch längere Zeit auf der Warteliste für die kostendeckende Einspeisevergütung (KEV). Doch Matti beobachtet die Situation gelassen: „Wir hätten die Anlage auch ohne KEV gebaut. Wir wollten unseren Beitrag zu einer sauberen Energieversorgung leisten.“ Eine Überlegung von Claire und Christian Matti war, dass sie mit der PV-Anlage den Strom für ihre Wärmepumpe bereitstellen können.
Einen Beitrag leisten
Ähnlich sieht es auch Manfred Haag aus Pfäfers: Er hat seine PV-Anlage zwar zur KEV angemeldet. Doch er hätte auch sonst auf Solarstrom gesetzt. Als er sein Elternhaus energetisch sanierte, war klar, dass er das Warmwasser im Sommer nicht mehr mit der Ölheizung bereitstellen wollte – aus finanziellen und ökologischen Gründen. Da lag es für ihn auf der Hand, gleich Module zur Produktion von Solarstrom zu integrieren. „Ich hatte ein Budget für die gesamte Sanierung, dabei waren die 25'000 Franken für die PV-Anlage nicht der grösste Teil“, so Manfred Haag. „Jeder sollte im Rahmen seiner Möglichkeiten etwas tun, denn die fossilen Energien sind beschränkt und der Neubau eines Kernkraftwerks ist umstritten.“
Dass die Energie immer teurer wird, ist ein weiteres Argument für den Bau einer Solarstromanlage. So auch für Michel Perrenoud aus Epalinges: „Die Solarenergie steht unbegrenzt zur Verfügung.“ Sind die Investitionen getätigt, produziert die PV-Anlage für die nächsten 20 bis 30 Jahre Solarenergie zum gleichen Preis. Anders der Strom vom Netz: Allein für 2011 rechnet der Verband Schweizer Elektrizitätsunternehmen VSE mit einer durchschnittlichen Preiserhöhung um 4 Prozent. Beim Solarstrom zeigt die Entwicklung genau in die umgekehrte Richtung: In den letzten Jahren sanken die Preise für PV-Anlagen stetig und damit auch diejenigen für den Solarstrom.
Die Kosten tief halten konnte Michel Perrenoud, weil er als diplomierter Elektroinstallateur einen Teil der Installationsarbeiten selbst durchführte. Er hat auch Zeit und Engagement in die Planung seiner Photovoltaikanlage gesteckt. „Für mich war das eine Art Hobby“, so der aktive Pensionär.
Unterschiedliche Montagemöglichkeiten
Photovoltaikanlagen lassen sich auf praktisch jedem Hausdach installieren. Ideal ist eine Ausrichtung von Südost bis Südwest und eine Dachneigung von 30 bis 60 Grad. Der Einfluss der Schräge und der Abweichung von Süden ist jedoch relativ moderat: Der Minderertrag eines direkt gegen Südwesten gerichteten Daches mit einer Neigung von 30° liegt bei etwa 5 Prozent. Solarmodule können entweder ins Dach integriert oder aufgebaut installiert werden. Auf Flachdächern werden die Module im idealen Winkel auf Ständern montiert. Manfred Haag wählte eine dachintegrierte Lösung, weil er das Dach bei der energetischen Sanierung sowieso erneuerte: Die Solarmodule wurden direkt auf den Dachunterbau verlegt und ersetzen die Dachziegel. Ehepaar Matti hingegen entschied sich für eine Lösung, bei der die Solarmodule auf das bestehende Dach montiert werden. „Unser Reiheneinfamilienhaus ist erst einige Jahre alt“, so Matti. „Das Dach war also noch wie neu.“
Auch auf Vordächern, Sonnenschutzvorrichtungen oder an Fassaden lässt sich Solarstrom produzieren. Welche Flächen sich eignen, welche Solarzelltechnologie und Montagelösung am besten geeignet ist, wissen die Planer und Solarinstallateure. Unter www.solarprofis.ch ist eine Liste ausgewiesener Fachleute zu finden.
Anschluss ans Netz
Solarstromanlagen werden in der Regel ans öffentliche Stromnetz angeschlossen. Der lokale Energieversorger ist zur Abnahme des Stroms verpflichtet. Bei Kleinanlagen kann man über das sogenannte Netmetering abrechnen: Im Zähler werden Stromproduktion und -bezug saldiert. Somit wird der Solarstrom in erster Linie vom Produzenten direkt genutzt. Für Kleinanlagen bis zu 3 Kilowatt liegt der Einspeisetarif gemäss der neuen Empfehlung des Bundesamtes für Energie (BFE) gleich hoch der Bezugstarif, solange die abgegebene Strommenge den Eigenbedarf im saisonalen Mittel nicht überschreitet. Bei grösseren Anlagen entspricht die Vergütung dem Grosshandelspreis für Strom, also rund 6 bis 8 Rappen. Es gibt jedoch auch Elektrizitätswerke, die bei Anlagen über 3 Kilowatt das Prinzip des Netmetering anwenden.
Dank der neuen Vergütungsempfehlungen sind Kleinanlagen auch ohne KEV attraktiv. Ein Rechenbeispiel: Eine Solarstromanlage mit einer Leistung von 3 Kilowatt kostet zwischen 21'000 bis 26'000 Franken. Davon lassen sich in den meisten Kantonen rund 3000 Franken durch Steuerabzüge einsparen. Bei einer Vollkostenrechnung kämen noch Unterhalts- und Kapitalkosten hinzu. Die Anlage erbringt bei optimaler Positionierung einen Ertrag von 3000 Kilowattstunden. Dies deckt ungefähr den Stromverbrauch einer 4-köpfigen Familie (ohne Elektroboiler). Bei Strompreisen von 20 Rappen pro Kilowattstunde spart die Familie also rund 600 Fr. pro Jahr. Aufgerechnet auf die Lebensdauer einer Anlage von 25 Jahren entspricht dies 15'000 Franken.
Abbau der KEV-Warteliste beschleunigt
Michel Perrenouds Anlage gehört mit 4,4 Kilowatt Leistung nicht mehr zu den Kleinanlagen. Er speist den ganzen Strom ins öffentliche Netz ein. Dafür erhält er vom lokalen Netzbetreiber zurzeit 12 Rappen pro Kilowattstunde. In etwa drei Jahren wird ihm über die KEV 74 Rappen vergütet. Dass er als Solarstromproduzent vorübergehend drauflegt, ist für Perrenoud kein Problem: „Damit leiste ich einen Beitrag zum Schutz der Umwelt.“
Die KEV-Warteliste ist bis Ende August 2010 auf 6600 Anlagen angewachsen. Doch laut Swissgrid zeichnet sich ab 2011 eine Entspannung der Situation an: Der Ständerat hat die maximale Fördersumme für Anlagen zur Produktion erneuerbarer Energien um 50 Prozent erhöht. Ab 2011 werden wieder Anlagen zur KEV zugelassen, in drei Jahren sollte die jetzige Warteliste abgebaut sein. Zudem bieten einige Kantone, wie Appenzell Ausserrhoden, Thurgau, Schaffhausen oder Baselstadt, oder auch einige Elektrizitätswerke und Kantone Überbrückungsbeiträge bis zur KEV an. Einen anderen Weg überlegt sich zurzeit Manfred Haag. Nämlich seinen Solarstrom über die Naturstrombörse Ostschweiz anzubieten. Hier könnte er über eine Internetplattform seinen Solarstrom direkt an lokale Abnehmer verkaufen.
Positive Nebenwirkungen
Mit kleinen PV-Anlagen, die in erster Linie Elektrizität für den Eigenbedarf liefern, lassen sich beträchtliche Stromkosten einsparen. Erhält ein Betreiber eine kostendeckende Einspeisevergütung, ist die Anlage klar rentabel. Doch im Vordergrund steht bei den meisten Bauherren das persönliche Engagement. „Es gibt ein gutes Gefühl, Solarstrom zu produzieren“, so Manfred Haag. „Ein Erfolgserlebnis“ nennt es Christian Matti. Zudem animiere die Solaranlage zu einem effizienteren Umgang mit elektrischer Energie. „Wenn unser Verbrauch die Produktion übersteigt, überlegen wir uns, welches Gerät wir ausschalten könnten“, so Matti. Schliesslich gibt einem die Energie vom eigenen Dach ein Stück Unabhängigkeit – vor allem vor dem Hintergrund steigender Strompreise. Ein gutes Argument, auch ohne kostendeckende Einspeisevergütung.
Unterschiedliche Solarzelltechnologien
Solarzellen wandeln das Sonnenlicht in elektrische Energie um. Die Entwicklung brachte eine grosse Vielfalt an Solarzellen-Technologien hervor. Weitaus am häufigsten kommen kristalline Siliziumzellen zum Einsatz, die einen Wirkungsgrad von bis zu 20 Prozent erzielen. Silizium ist das zweithäufigste Material der Erdkruste, womit die Versorgung langfristig sichergestellt ist. Daneben gibt es eine Vielfalt von Dünnschicht-Solarzellen aus amorphem Silizium, Kupfer-Indium-Selenid und weiteren Materialien. Sie brauchen deutlich weniger Material als kristalline Zellen und können kostengünstiger produziert werden. Allerdings haben sie einen tieferen Wirkungsgrad. Erst im Forschungsstadium sind Zellen aus organischen Kunststoffen, zu denen auch die bekannten Grätzel-Zellen gehören.
KEV in Kürze
Die kostendeckende Einspeisevergütung (KEV) garantiert den Betreibern von Photovoltaikanlagen, den produzierten Strom während 25 Jahren zu einem garantierten Preis an das örtliche Elektrizitätswerk zu verkaufen. Finanziert wird die KEV über eine Abgabe auf dem gesamten Strom von aktuell 0,45 Rappen pro Kilowattstunde. Dieser Betrag kann bis 0,9 Rappen erhöht werden. Die Einspeisevergütung wird entsprechend der Kostenentwicklung bei Photovoltaikanlagen abgesenkt, jährlich um mindestens 8 Prozent. Aufgrund der aktuellen Kostenentwicklung bei PV-Komponenten wurde der Preis 2010 um zusätzlich 10 Prozent abgesenkt. Anlagen, die eine KEV-Zusage haben und bereits in Betrieb stehen, sind von den Absenkungen nicht betroffen. Die nationale Netzgesellschaft Swissgrid ist für das KEV-Anmeldeverfahren der Anlagen zuständig und wickelt die Erfassung der Anlagen ab.


